• Caroline Winning

Warum Hypersensibilität das "Hyper" nicht braucht - und sie uns alle beeinflussen wird

Sie ist keine neue Erscheinung und doch noch viel zu wenigen Menschen bekannt: Hyper-oder auch Hochsensibilität. Anders gesagt: die erhöhte Empfindlichkeit, die sich auf sensorische, emotionale und kognitive Reize beziehen kann.

Immer mehr Menschen wird heutzutage dieses Prädikat als Teil ihres Wesens, ihrer Persönlichkeit zugeschrieben. Schätzungen besagen, dass 15-20% der hiesigen Bevölkerung als hochsensibel anzusehen ist, also knapp ein Viertel aller!


Ich möchte hier weniger auf Symptomatik & Umgang eingehen. Mich reizt stattdessen die Verbindung zwischen Hochsensibilität und unserer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Denn diese ist auf spannenden Pfaden unterwegs und erklärt so manches neuartige Phänomen unseres Zeitgeistes.

Fein sein - Hypersensibilität im Menschen

In Kürze lässt sich sagen, dass die Menschheit spiralförmig immer neue Entwicklungsabschnitte erreicht (mit allen Backlashes und Stagnationen), die uns allen hinzukommende Fähigkeiten, Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen. Im Spiegel >> stand erst kürzlich eine Beschreibung dieser Entwicklungsphasen, so dass ich die Komplexität des Geschehens etwas eindampfe und mich auf das thematisch Relevante beziehe.

Als Gesellschaft erklimmen wir gerade die Ebene eines ökologischen oder auch ökozentrischen Bewusstseins ("grün" in Spiral Dynamic-Sprech) und damit eine Phase, in der unsere Sensibilität für innere und äußere Reize wächst. Jede Entwicklungsebene bringt, wie gesagt, erweiterte Kompetenzen mit sich und in diesem Fall gedeihen (u.a.) unsere emotionale, soziale und spirituelle Kompetenz. Wir sprechen hierbei auch von Entwicklungslinien, von denen wir Menschen laut aktueller Forschung über 20 verschiedene besitzen. Leider lässt uns der derzeitige Fokus auf die kognitive Linie, also der IQ, manchmal vergessen, dass wir auch noch über solch wesensschöne Fähigkeiten wie moralisches Urteilen, kinästhetische Intelligenz oder musikalische Intelligenz verfügen (in der Tat!). Wie gesagt, es sind locker mehr als 20... (Daniel Goleman hat hierzu intensiv geforscht, wer hier weiterlesen möchte).

Die Spirale der Entwicklung - und wie sie uns alle verändert

Entwicklung heißt immer: umfassender, reicher, mehr. Mit Blick auf unser menschliches Werden und diese noch recht junge Entwicklungsphase steigen somit die Kompetenzen an, die uns feiner, spüriger, durchlässiger und sensitiver werden lassen. Wir nehmen mehr Stimmungen wahr, sind weniger in der Lage, Reize auszufiltern (zumindest solange der Umgang damit noch nicht geübt ist) und spüren stärker die energetischen Vibrationen, die uns umgeben. Das fängt damit an, das Klima einer Gruppe zu erfassen, sobald man im Raum ist, die Laune des Gegenübers in sich aufzunehmen und plötzlich totmüde zu sein, obwohl man eben noch frisch gelaunt war oder zu spüren, dass ein Konflikt schwelt, der noch gar nicht benannt wurde. Allesamt hervorragende Qualitäten, um gute Beziehungsarbeit mit Menschen leisten zu können. Und ebenso Ausdruck für das, was wir heute mit Hypersensibilität bezeichnen.

Also lassen wir das "Hyper" mal weg: im Erlangen der ökozentrischen Bewusstseinsebene ist Sensibilität eines ihrer prägenden Merkmale. Wir kommen gar nicht umhin, reizsensitiver und spüriger zu werden. It's in the package!

Jüngere Generationen, die bereits von klein auf in diese Zeitströmung hineingeboren werden, erleben diese Persönlichkeitsveränderung viel früher, so dass es immer mehr junge Menschen mit dem Label "hypersensibel" gibt und geben wird.

Dies wird uns alle herausfordern, leben wir doch in einer Zeit der zunehmenden Reizverdichtung mit immer noch mehr Informationen, ToDo's und Instant-Rhythmen. Wir sehen es schon jetzt an den wachsenden Angeboten für Meditation, Stille und Retreat. Oder der Burnout-Rate...


Die Gesellschaft der Zukunft wird eine sensible sein. Genau dafür braucht es das Verständnis von jenen grundlegenden Veränderungen, die sich entwicklungsgeschichtlich gerade vollziehen. Entwicklungspsychologische Aufklärung tut not. Denn: je mehr Kenntnis es dazu gibt, desto leichter können wir Gespräche darüber führen, wie eine Gesellschaft auszusehen hat, in der soviel Zartheit und Berührbarkeit herrschen.


Weitere Quellen zum Stöbern:

Don Beck & Christopher Cowan - Spiral Dynamics

Ken Wilber - alle Werke

Terry O' Fallon und ihr STAGES-Modell


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