• Caroline Winning

Wie wir Sinn aus dieser Zeit schöpfen

Ich nehme Bezug auf einen vorherigen Artikel, der beschreibt, wie fragmentarisch unsere Gesellschaft derzeit daherkommt. Bei aller Betrachtung des Status Quo und seinen Folgen erhebt sich die Frage nach dem tieferen Sinn oder Wozu des Ganzen. Im systemischen Denken steht kein Problem für sich, sondern enthält, solange es da ist, immer eine Lernaufgabe, einen Entwicklungsschritt für den Problemtragenden.

Mit dieser Brille lässt sich somit interessiert fragen: worin liegt für uns als Gesellschaft die zu erwerbende Kompetenz oder Erkenntnis, wenn wir mit Segmentierung, Cancel Culture, Querdenkern, alarmierter Kommunikation (Harald Welzer) und dem Meinungspluralismus unserer Zeit zu tun haben?

Nach Integraler Theorie sind wir seit den 1960igern Jahren immer unaufhörlicher in die Postmodernde, die Ära nach der Moderne, reingerutscht. Was vorher Wissenschaft, Aufklärung, Menschenrechte und Industrialisierung auf den Erdball gebracht hat, wurde abgelöst durch ein Bewusstsein, welches sichtbar werden ließ, wie wir Menschen uns unsere Lebensrealitäten selbst konstruieren (Wikipedia: Konstruktivismus), wie fragil unsere Verbindung zu der uns umgebenden Welt ist und wie unüberschaubar die Vielfalt an Meinungen und Perspektiven ist, die Mensch einnehmen kann.

Die Bewusstseinsebenen der Integralen Theorie

Pluralismus, Ökologie, Friedensbewegung, Kontextualismus (die Fähigkeit, Verhalten aus bedingenden Kontexten heraus zu verstehen), erhöhte Sensibilität und Fühligkeit, Gleichheit und Gleichberechtigung - all diese Dinge beschäftigen uns Menschheit seit dem Aufkommen der Postmoderne. Sie hat uns ein größeres Bewusstsein ermöglicht, Entstehungsgeschichten von gesellschaftlichen Dogmen und Diskriminierungen zu erkennen, hat Minderheitsansichten in die Mitte der Gesellschaft getragen und damit den bisher Marginalisierten eine Stimme gegeben sowie Tabus entkleidet. Sie gesellt sich zu den Anschauungen der Prämoderne und Moderne, womit wir derzeit den Zustand auf Erden haben, in welchem drei divergierende und nur schwer vereinbare Modi der Weltanschauungen nebeneinander existieren. Puh, es schwirrt der Kopf - ganz genau. Komplexer, komplizierter, vielfältiger, unvereinbarer, so sieht unsere Welt derzeit aus.


Die systemische Haltung ist mir persönlich nah, lädt sie doch unentwegt ein, die Ressourcen und den größeren Sinn hinter den Herausforderungen zu sehen. Von ihr an die Hand genommen, schlendern wir durch diesen Haufen an irrem Durcheinander, Gegeneinander und Ohneeinander und bleiben stehen, am besten mit Draufblick. Was können wir erkennen, wenn wir den Adlerblick spannen und uns ein Bild von dieser undurchsichtigen Lage machen? Wozu mag es taugen, dass wir uns derzeit in dem Zustand befinden, in dem wir sind?


5 Thesen zum Erkenntnisgewinn:


1) Wir werden gerechter.

Angefangen bei der #MeToo-Bewegung mit all ihren Ausmaßen an sexueller Diskrimierung & Ausbeutung, weiter mit Tabus rund um die weibliche Menstruation, Wechseljahre oder Sexualität sowie generell der Unterdrückung von all jenen, die nicht in die Kategorie weißer, älterer, cis-Männer gehören - indem Unterdrückungsmechanismen sichtbar werden, kann damit begonnen werden, sie systematisch abzubauen. Erst in dem Bewusstsein rund um die Entstehung von gezielter wie unbewusster Ausgrenzung und Entmachtung kann ein Boden für echte Gleichberechtigung geschaffen werden.


2) Wir lernen, Ambivalenz auszuhalten.

Mit jeder Zunahme an Komplexität wächst die Anzahl der möglichen Lösungen für ein Problem. Eine singuläre Ursachenforschung greift heute vielfach schlicht zu kurz. Ich saß kürzlich in einem Führungskräfteworkshop, in welchem sich gefragt wurde, warum das Leitbild der Organisation so wenig gelebt wird. Die Fülle an Antworten zeigte deutlich: um eine Verbesserung der Situation zu schaffen, reicht keine einzelne Maßnahme. Dies als ein feines, kleines Beispiel für die Illustration dessen, wo wir heute stehen, wenn es um die Betrachtung der ganz großen Fragen geht. Soviel gespoilert: leichter wird es nicht.


3) Wir lernen unseren Schatten kennen.

Gerade die hitzigen Debatten rund um Corona, das Impfen oder die aktuellen Hygienemaßnahmen bringen ein gewaltiges Konglomerat an Ängsten hoch. Ängste, die zum Menschsein gehören und uns mehr oder weniger bewusst sind.

Mit steigender Bewusstheit erlangen wir die Möglichkeit, uns selbst mit unserem Verhalten wie Innenleben zu reflektieren. Wir werden Beobachter:innen unserer selbst. Für viele zählt dazu vor allem, das eigene mentale und körperliche Fähigkeitsspektrum besser zu verstehen und zu optimieren - klüger, schneller, fitter, fachlicher zu werden. Expert:innen und Manager:innen unseres eigenen Lebens. Mit späterer Reife dehnt sich dieses Bestreben auf die Psyche und das Seelische aus. Wir wollen uns selbst heilen sowie unseren inneren Wesenskern erkennen, um ihm authentischen Ausdruck zu geben.

Das Konzept des Schattens gehört hierzu als etwas, was die uns nichtbewussten Dimensionen unseres Seins bewohnt und immer dann sein Antlitz zeigt, wenn uns etwas derart bewegt, dass wir starke Emotionen zeigen - angenehme wie unangenehme. Alles, was uns nicht nur informiert, sondern affektiert, zeigt einen Teil unserer Persönlichkeit an, die wir als nicht zu uns selbst gehörig erleben. Daher fahre ich aus der Haut und rege mich auf, wenn jemand in Pauschalisierungen redet, blind dafür, dass ich selbst nicht frei davon bin zu generalisieren und zu werten.

Kollektiv betrachtet kommen derzeit eine Reihe an Schatten hoch, die sich auf tiefsitzende Ängste gründen. Diese erzeugen Hass, Abwertung, Stigmatisierung, Ausgrenzung und die fehlende Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Eine wunderbare Gelegenheit für uns als Gesellschaft, hinter das Aufgeheizte zu schauen und zu erkennen, was uns so massiv umtreibt. Zudem eine weitere Gelegenheit, für soziale und ökologische Strukturen zu sorgen, die den Ängsten ihre Daseinsberechtigung entziehen.


4) Wir lernen auszuhalten, es nicht (besser) zu wissen.

In einer Welt, in der Weltanschauungen davon abhängig sind, welcher (kulturelle, psychologische und geschichtliche) Kontext prägend ist, kommen wir nicht umhin, uns die Mühe zu machen, diesen mitzudenken. Schubladen und Kategorien taugen schon lange nicht mehr, die Komplexität dessen mitzudenken, was den Menschen in seiner Lebensweise bewegt.

Je mehr wir uns in einen fragenden statt wissenden Modus begeben, je mehr wir lernen zuzuhören, um verstehen zu wollen, je mehr wir still werden anstatt sofort in den Reflex des Argumentierens und Verteidigens zu verfallen, desto mehr wird es uns gelingen, besonnenen und weise zu agieren.


5) Wir sind aufgefordert, ein gemeinsames Narrativ zu bilden.

Auch wenn es weh tut: es finden sich (noch) nicht alle in der Zukunftsperspektive einer klimagerechten Welt wieder. Vorher denken sie an Lohngerechtigkeit, die Versorgung für ihre Kinder oder die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Auch wenn wir die Reduktion des Fleischkonsums oder die Verkehrswende schnellstmöglich anpacken müssen - verengen wir unseren Blick hierauf, verlieren wir einen Großteil der Bevölkerung aus dem Auge. Und zwar jene, die ihre tatsächliche wie gedankliche Existenz daraus ableiten, ein geregeltes Einkommen zu haben, das Auto zu nutzen und Nahrung als Sattmacher zu sehen. Ignorieren wir weiter ihre Lebensweisen und tun diese als überholt oder gar schädlich ab, bleibt es bei der Spaltung und Lagerbildung.

Das zukünftige Narrativ für uns als Gesellschaft muss daher integrative Herangehensweisen für unser aller Interessen und Probleme finden. Es muss Wertschätzung und Verständnis für bisherige menschliche Wege unserer Existenz bieten und anbieten, die grundlegenden Bedürfnisse nach Sicherheit, Respekt, Zugehörigkeit und Verlässlichkeit zu erfüllen. Es muss einen Raum schaffen, in welchem das jeweils tiefere Anliegen gesehen und vertreten wird und in dem solange miteinander um Lösungen gerungen wird, bis wir einen Gesellschaftsentwurf vorlegen, in welchem die wichtigsten Bedürfnisse gestillt werden.


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