• Caroline Winning

Wir brauchen Räume für unser SoSein

Ich tausche mich mit einer Kollegin aus; sie führt Zeitzeugeninterviews, in denen Menschen, die die DDR erlebt haben, über ihr Erleben berichten. Ein solches Interview hat einen Rahmen von 2-3 Stunden, also viel Erzählzeit. In diesen Stunden haben ihre Interviewten einen ungestörten Raum, in dem sich ihr Leben mäandernd ausbreiten kann. Alles bekommt seinen Platz, beflügelnde Höhen bis hin zu bestürzenden Tiefen, dazwischen die Banalität menschlichen Lebens.

Weniger umfänglich, dafür gleichsam persönlich erlebe ich Übungen in Seminaren, bei der eine Person berichtet, während eine zweite zuhört; meist zu Fragen, die unser emotionales Erleben berühren. Beide kennen wir aus solchen Situationen Momente, in denen Tränen fließen, Menschen von ihren Emotionen überwältigt werden und sich etwas aus ihnen herauslöst, was bisher unangetastet in ihnen schlummerte.

So kürzlich geschehen während des Einführungsseminars in die Gewaltfreie Kommunikation. Einer Teilnehmerin liefen plötzlich Tränen über die Wangen, als sie von ihrem demenzkranken Vater sprach. Aus dem Teilnehmerkreis kam kurz darauf die Frage, was wir denn jetzt tun würden. Wie mit solchen Gefühlsausbrüchen umgehen?

Im Gespräch mit meiner Kollegin trat deutlich zu Tage, dass es in unserer Gesellschaft mehr Räume braucht, in denen wir einander zuhören, möglichst wertfrei und unkommentiert, mit einer Haltung von Anteilnahme und Interesse. Zuhören mit der Intention, das Menschliche im Gegenüber zu sehen und es in diesem Spannungsfeld anzuerkennen.

Wir brauchen Räume, in denen wir uns mit dem zeigen können, was uns im Moment bewegt. Frei davon, in einen Argumentationsaustausch zu gehen, frei von schnellem Rat oder einer Lösung für unseren Zustand. Vor allem Letzteres führt die implizite Botschaft mit sich, wir wären mit unserem Erleben so nicht erwünscht und müssten uns anders, besser fühlen, als es uns tatsächlich geht. Ähnlich geschieht es bei Kindern, denen wir über Sätze wie "Du brauchst doch nicht weinen, ist doch alles nicht so schlimm." vermitteln, dass ihre Angst oder Trauer unberechtigt, gar unerwünscht sind.

Räume für unser Menschsein

Dabei machen uns all unsere Gefühle zutiefst menschlich und führen zu einem gesunden, tragfähigen Leben, wenn sie ausgedrückt werden dürfen. Geht mein zuhörendes Gegenüber dazu in eine anteilnehmende Präsenz, öffnen sich innere Räume in uns, die wir im Alltag meist verschlossen halten. Zeitzeugeninterviews, Gesprächskreise oder achtsame Dialoge haben alle das Potential, unser Innerstes aufzuschließen. Viele sind oft verblüfft, was sie zu Tage fördern, wenn sie auf ein empathisches, aufmerksames Gegenüber treffen. Und erleichtert, wenn sich die Möglichkeit ergibt, dem Herzen Luft zu verschaffen. Manches Mal sind es Dinge, die wir lange als schmerzhafte Erfahrungen in uns getragen haben. Unerzählt, ungeteilt. Wie Erlebnisse in einem früheren politischen System, Traumata aus Kindheitstagen, die Überforderung mit dem kranken Vater.

In solchen Momenten gilt es nichts weiter zu tun als in Verbindung zu bleiben - mit der Erzählerin, mit dem Geschehen und sich selbst. Den äußeren wie inneren Raum zu füllen mit der Qualität des Geschehenlassens, der Akzeptanz des Gegenwärtigen. Das So-Sein anzunehmen wie es ist. Und damit der Achtung vor unserem facettenreichen Menschsein Tribut zu zollen.


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