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Der Busfahrer und die leise Revolution der Freundlichkeit

  • Autorenbild: Caroline Winning
    Caroline Winning
  • vor 19 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Manchmal sind es nicht die großen Ereignisse, die etwas in uns auslösen – sondern die kleinen, fast unscheinbaren Begegnungen im Alltag. Eine Busfahrt durch Berlin hat mich daran erinnert, wie viel Wirkung in wenigen freundlichen Worten liegen kann.


Ich steige ein, die Fahrt geht los. Die nächste Haltestelle wird erreicht, jemand steigt aus. Der Busfahrer ruft: “Ihnen einen schönen Tag heute!” Ich lächle, finde es inmitten all der anonymen Alltagsmuffeligkeit erfrischend herzlich. Nächste Haltestelle, wieder steigt jemand aus, der Busfahrer begleitet die Gäste mit einem heiteren “Tschüssi, alles Gute” hinaus. Ich beginne ernstlich verwundert zu sein.

Ungebremst werden Grüße, Nettigkeiten & Wünsche an die Aussteigenden verteilt, die Freundlichkeit des Busfahrers nimmt kein Ende. Mein Vorhaben, auf dem Handy zu lesen, habe ich gestrichen. Stattdessen erfreue ich mich an der wachsenden guten Laune im Bus. Nach mehreren Stationen breitet sich eine wohltuende Gelöstheit unter den Mitreisenden aus, viele lächeln bei jedem Gruß, der durchs Gefährt schallt. Irgendwann steige ich aus - nicht, ohne vorher den ganzen Bus von hinten nach vorn zu durchqueren, um dem Wohltäter ein herzliches Danke zuzuwerfen.



Die Wirkung kleiner Gesten

Die 10 Minuten Fahrt haben mich beschwingt zurückgelassen und mir wird in Vorbereitung auf mein gleich beginnendes Seminar zur Gewaltfreien Kommunikation spürbar bewusst, wie gewichtig die Auswirkung eines netten Grußes, eines freundlichen Wortes oder eines herzlichen Kontakts ist. Die Erfahrung hallt nach und ich nehme sie mit zu den Teilnehmer:innen des Seminars. Erzähle strahlend, wie leicht sich meine Stimmung hob durch wenige Worte, wie wesentlich es mir geworden war, etwas von meinem Gefühl zurückzugeben statt wie sonst ohne Gruß aus dem Bus auszusteigen. Eine bemerkenswerte Wandlung hatte sich - vielleicht nicht nur in mir - vollzogen durch die herzliche Begegnung mit einem anderen Menschen.


Im Rückblick wird mir klar: was in diesem Bus geschehen ist, war mehr als nur ein freundlicher Moment zwischen Fahrer und Fahrgästen. Es war ein kleines soziales Feld, in dem sich etwas verschoben hat – spürbar, fast greifbar.

Die Stimmung hat sich verändert, Menschen haben anders aufeinander reagiert, und auch ich selbst bin Teil dieser Bewegung geworden. Nicht, weil mich jemand dazu aufgefordert hätte, sondern weil etwas in mir in Resonanz gegangen ist.

Vielleicht liegt genau hier ein Schlüssel: Dass Veränderung nicht erst im Großen beginnt, sondern in solchen unscheinbaren Momenten, in denen ein Mensch anders handelt – und damit einen Raum eröffnet, in dem auch andere sich anders verhalten können.


Die Macht der scheinbar Machtlosen

In dem Zuge denke ich an die Macht der "Machtlosen", u.a beschrieben von Loel Zwecker >> und stelle mir vor, welch immenser Einfluss von all den Busfahrer:innen ausgehen könnte, die tagtäglich mit mehreren tausend Menschen zu tun haben. Wie ansteckend wäre womöglich der Virus der Herzen, wenn wir uns davon inspirieren lassen würden, der nächsten uns fremden Person einen schönen Tag zu wünschen. Und wie heilsam inmitten der täglichen Konfrontationen mit den großen & kleinen Schlachten auf dieser Welt...


Die gedankliche Falle, in die wir als Normalbürger:innen reintappen ist zu denken, dass wir ohne besondere Macht oder Privilegien wenig bis nichts in dieser Welt ausrichten können. Ob durch Erziehung oder kulturelle Prägung: die Macht zur Veränderung wurde und wird oft denen zugesprochen, die über entsprechenden Rang oder finanzielle Mittel verfügen. Hinzu kommt die Anpassung an das Gros der Gesellschaft als erwünschte Norm. Im Positiven wie im Negativen davon abzweichen, ziemt sich gemäß konditionierter Etikette oft nicht und wird noch immer mit sozialem Ausschluss geahndet.

Doch auch ohne formale Macht haben wir Einfluss – auf Stimmung, Beziehung, Haltung. Und genau dort beginnt Veränderung.



Zusätzlich wird häufig das Bild von starken Einzelpersonen gezeichnet, die gesellschaftliche Umwälzungen herbeigeführt haben - von Martin Luther King bis Nelson Mandela. Doch Große Transformationen entstehen selten durch eine einzelne Person. Der Boden, auf den die Worte fallen, ist schon bereitet durch die Vielen, die den Inhalt all dieser revolutionären Stimmen bereits gefühlt, gedacht und von Ohr zu Ohr bewegt haben. Der Samen kann nur aufgehen, wenn die guten Zutaten bereits vorhanden sind. Margaret Mead, anerkannte Anthropologin, sagte einst:

"Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist das die einzige Art, wie es je geschehen ist."
Beispielhafte Wirkung statt Macht

Selbst wenn der Schein in Zeiten des Erstarkens herrsüchtiger Typen trügt, vollzieht sich Veränderung zudem weniger durch Macht und Kontrolle, sondern dadurch, dass Verhalten vorgelebt wird. Worte können nie so mächtig wie Taten sein. Wenn wir erleben, wie jemand in Güte & Freundlichkeit handelt, übernehmen wir das Handeln wahrscheinlicher, als wenn es beim Predigen bleibt. Vor allem dann, wenn wir am eigenen Leib die positive Wirkung gespürt haben.


Der Eindruck, der der Berliner Busfahrer auf mich gemacht hat, bleibt prägend. Selbst wenn die Revolution der Freundlichkeit noch auf ihre Verwirklichung wartet, hallt die Episode als Erinnerung nach. Eine Rückbesinnung auf das, was unser Miteinander grundlegend wandeln kann. Und eine Erinnerung an meine ganz persönliche Macht, die egal wie klein sie (vermeintlich) daher kommt, ungeahnte Wirkung entfalten kann.


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