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Frau.Macht.Geld - Gestaltungskraft jenseits von Tabu und Moral

  • Autorenbild: Caroline Winning
    Caroline Winning
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

In unserer Suche nach Selbsterkenntnis begegnen uns immer wieder neue Spielwiesen der Projektion. Das, was im Innern noch unerlöst und ungesehen ist, findet seine Entsprechung im Außen und steht irgendwann vor der Tür, um gastfreundlich hineingebeten zu werden. So verhält es sich letztlich mit allem, was uns im Leben begegnet und auf Trab hält. Unerfüllte Partnerschaft? Anders ausgedrückt: Wie nehme ich mich selbst an – mitsamt meiner dunkelsten Anteile?Existenzängste? Ein Synonym für das Vertrauen ins Leben, auch wenn alle Sicherheitsleinen reißen. In dem, was das Leben mit seinen Irrungen und Wirrungen für uns bereithält, liegt immer eine Möglichkeit für mehr Erkenntnis und mehr Bewusstheit.


Erfolg sichtbar machen – und ihn aushalten lernen

Nun habe ich Ende letzten Jahres mein zehnjähriges Jubiläum als Selbstständige gefeiert und diesem Ereignis einen erinnerungswürdigen Rahmen gegeben. Es war, als würde dieses Ritual – mitsamt der äußeren Bezeugung – dem Wesen der Freiberuflichkeit zusätzliche Kraft einhauchen und ihr Fundament stärken. Mein Erfolg wurde in eine sichtbare Form gebracht, und während ich das schreibe, ist ein kleiner Anteil von mir regelrecht verschüchtert darüber, diesen Erfolg als solchen zu benennen. Und doch war und ist dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt, und der dabei empfundene Stolz hatte eine belebende und zugleich dankbare Qualität.



Das Schweigen über Geld – ein kollektives Tabu

In derselben Weise betraten auch Macht und Geld die Bühne. Kaum ein Thema ist von mehr nebelverhangenen Tabus umgeben als das Geld. Ähnlich löst das Wort „Macht“ bei den meisten unwohlige Irritationen aus – denn wer will sich schon gemeinsam mit einem Despoten wie Trump auf der Bühne sehen? Vor allem dort, wo heute Kompetenzen wie Dialogfähigkeit, Empathie oder Vernunft gefragt sind.


Wir nähren, was wir vermeiden. Was von uns nicht gesehen und erkannt werden will, bricht sich umso stärker Bahn. So könnten wir auch auf die Welt da draußen schauen und uns fragen, warum sich Geld und Macht in immer weniger Händen konzentrieren. Wir sprechen über Beziehungsprobleme, Kinder, den Job oder den geplanten Urlaub – aber was wir nicht tun, ist über Geld zu sprechen. Wer wie viel bekommt, wie Altersvorsorge gestaltet wird, welchen Stundensatz wir als Selbstständige nehmen, was die Chefin verdient oder wie viel gespart wird – all das sind Fragen, die nicht selbstverständlich dazugehören. Vielleicht werden sie im vertrauten Kreis beredet, manchmal nicht einmal mit dem eigenen Partner.


Alte Konditionierungen und weibliche Prägungen

Derartige Sprachhemmnisse paaren sich allzu gern mit uralten Konditionierungen: Geld sei schmutzig oder lediglich Mittel zum Zweck. Wir Frauen erleben zudem, wie die jahrtausendealte Prägung, finanziell vom Mann abhängig zu sein, ein ungutes Gefühl auslöst, sobald sich Vermögen anhäuft.

„Ich darf reich sein“ – ein Satz, den ich im Rahmen einer meiner Ausbildungen nicht vergessen werde. In unserer Gruppe konnten ihn vielleicht zwei von zwölf satt und selbstsicher aussprechen. Beim Rest – Frauen wie Männern – stockte es erheblich. Vor allem dann, wenn weder die Frauen vor uns noch die eigene Herkunftsfamilie einen bewussten Umgang mit Geld vorgelebt haben, wird das Unterfangen, Geld souverän zu handhaben, zu einer zähen Angelegenheit.


Geld legt seit dem Ende der Agrarzeit als handfestes, konkretes Tauschmittel den Grundstein für unsere materielle Versorgung. Es stellt damit eine notwendige Basis für die Beschäftigung mit allen weiteren Bedürfnissen dar. Kein Wunder also, dass Themen rund um das liebe Geld sich schnell existenzbedrohlich anfühlen. Das Bild, irgendwann mittellos auf der Straße zu sitzen, spukt bei vielen von uns im Kopf herum. Mit Blick auf zunehmende soziale Ungerechtigkeit und ihre fatalen Auswirkungen – etwa Altersarmut – werden diese Bilder zusätzlich befeuert.


Wer hat hier eigentlich wen im Griff?

Ich möchte mich heute jedoch nicht auf strukturelle Herausforderungen konzentrieren, auch wenn ich den unteren rechten Quadranten (im Quadrantenmodell nach Ken Wilber) nicht unerwähnt lassen will. Mit Blick auf den Erkenntnis- und Bewusstwerdungsprozess richte ich das Augenmerk vielmehr auf die Frage: Wer hat hier eigentlich wen im Griff – das Geld mich oder ich das Geld?

Ähnlich verhält es sich mit der Macht. Am liebsten wollen wir nicht mit ihr gesehen werden. Macht gilt für viele als missbräuchlich und schmutzig. Wenn sie auftritt, verbinden wir sie häufig mit Menschen, die narzisstisch-soziopathische Züge zeigen, während der Rest von uns sich machtlos befreit fühlt. Dass Macht – wie alles andere auch – sowohl konstruktiv als auch destruktiv gelebt werden kann, wird dabei meist übersehen. Stattdessen wird sie im Sinne einer auf Verbundenheit und Gleichrangigkeit setzenden moralischen Haltung gänzlich verdammt. Wer Macht hat, wird bekämpft – und sei es mit aller Macht.


So gilt für Macht wie für Geld: Wer beherrscht hier eigentlich wen? Verarschen wir uns selbst oder nutzen wir die Gelegenheiten des Lebens, uns auf die Schliche zu kommen? Vielleicht fällt uns dann auf, dass unsere Gedanken häufig sorgenvoll um Geld kreisen. Oder dass wir uns über manipulative Chefs echauffieren – und schweigen, sobald einer von ihnen den Raum betritt. Beklagen wir uns darüber, nichts ausrichten zu können, und verharren im ohnmächtigen Morast? Oder wittern wir sofort Unterwerfung und Machtmissbrauch, sobald unliebsamen Ansichten zugehört wird, statt ihnen entgegenzutreten? Die Macht, die Geld und Macht über uns haben können, ist oft unschwer zu erkennen – und zugleich schwer für das Wohl aller einzusetzen.


Geld und Macht als Entwicklungsräume

Ein roter Faden, der sich durch dieses und sicher auch kommende Jahre ziehen wird, ist daher der bewusste und vor allem gesunde Umgang mit Geld und Macht – als Frau und auch sonst. Gestaltungsmacht und Moneten als Quelle lebensdienlicher Entwicklung zu begreifen, kostet mich auch heute noch einiges – manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Die Muster greifen tief, bei uns allen. Im integralen Sinne lädt die Auseinandersetzung mit beiden Themen dazu ein, sich auch den weniger integrierten Ebenen wie Rot oder Orange zuzuwenden und fest verankerte Konditionierungen Stück für Stück zu lösen.


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