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Narzissmus, Moral und Macht – ein Blick auf unsere Diskussionskultur

  • Autorenbild: Caroline Winning
    Caroline Winning
  • vor 23 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Das narzisstische Label ist seit Längerem in aller Munde. Was von nicht ganz ungefähr kommt, wenn wir den Zahlen Glauben schenken mögen, dass ca. 20-30% der Erwachsenen über narzisstische Persönlichkeitsanteile verfügen. Ein Drittel als Hausnummer erklärt die zahlreichen Kämpfe, die aktuell mit narzisstisch geprägten Menschen auszutragen sind. Davon ist der Kampf mit "dem Orangen" nur der Prominenteste von allen.


Die Kernwunde der narzisstischen Persönlichkeit besteht in ihrem verletzten Selbstwert, der auf Grund von Überhöhung oder Vernachlässigung durch Eltern & Bezugspersonen massiven Schaden in den frühen Lebensjahren erlitten hat. Von seinen Bezugspersonen nicht ausreichend gesehen worden zu sein sowie mangelnde aufrichtige Zuwendung erfahren zu haben, sind häufig Ursache für narzisstische Persönlichkeitszüge. Dabei kann das fragile Ich in beide Richtungen ausschlagen: es bläht sich überdimensional zu einem falschen Selbst auf, das die Welt mit Größenfantasien erobern will – oder es sackt schutzlos in sich zusammen und unterwirft sich einer vermeintlich überlegenen Umwelt. Zugegeben, beide Bilder sind extrem und in dieser Weise Gott sei Dank nicht allzu oft anzufinden. Ihre kleinen und großen Varianten dagegen schon viel eher.



Egal, in welche Richtung der Mensch tendiert (wobei beide Züge ebenso in in einer Person auftreten können): die Kränkungserfahrungen sind tief in ihm verankert und führen dazu, dass er jeglichem Angriff auf das fragile Ich mit lautem Protestgeheul bis hin zum Vernichtungskrieg begegnen wird. Schauen wir uns das heutige Gebrüll in unserer gesellschaftlichen Diskussionskultur an, liegt der Verdacht nahe, dass wir es (auf allen Seiten) mit narzisstischem Verhalten zu tun haben, auch wenn dieses manchmal nur schwer zu erkennen ist.


Der moralische Tarnanzug

Einen guten Tarnanzug liefert derzeit die postmodernde, sensible Bewusstseinsebene mit ihrem moralisch aufgeheizten Anspruch, eine Gesellschaft voller Inklusion, Gleichheit und Gleichberechtigung zu errichten.


Diesem Ideal ist kaum zu widerstehen und auch in mir gibt es den Wunsch einer Gesellschaft, die die Würde aller konsequent mitdenkt. Gleichsam vermeldet die innere Realistin: hier liegt noch ein sehr, sehr langer Weg vor uns.


Grundsätzlich sind Toleranz & Offenheit für Vielfalt über die Jahrtausende gewachsen - wenn auch nicht überall gleich. Derzeit machen uns die Regressionsbewegungen jedoch massiv zu schaffen und erinnern auf beunruhigende Weise daran, dass jeder Fortschritt auch wieder zunichte gemacht werden kann. So bleibt es ungewiss, inwieweit ein weltweit integrales Bewusstsein je existieren wird. Vielleicht ist unsere Erde eher ein Ort fortwährender Entwicklung als der Vollendung von Vollkommenheit.


Die Errungenschaften des grünen Bewusstseins

Doch selbst wenn das Ideal ehrenwert bleibt, der Weg zu seiner Erreichung ist es oft nicht. Mit dem grünen, postmodernen Bewusstsein begann der Kampf für Vielfalt & die Inklusion der Entrechteten - ein Kampf, der oft ebenso schmerzhaft geführt wird wie die bis heute anhaltende Unterdrückung der Schutzlosen und weniger Privilegierten.

Dabei haben wir mit der grünen Entwicklungsebene ein Bewusstsein erreicht, das sich durch tiefe Empathie für alles Lebendige auszeichnet. Grün stellt Achtsamkeit, Wertschätzung und Verbundenheit in den Mittelpunkt und sensibilisiert für machtsensible Sprache. Mit Grün sind wir im humanistischen Denken angekommen. Echte Dialogfähigkeit und Perspektivvielfalt sind die Errungenschaften eines Bewusstseins, welches systemische Wechselwirkungen sieht, wo vorher lineare Ursache-Wirkungsprinzipien gegolten haben.



Wenn neue Bewusstseinsstufen kämpfen

Das Erstarken einer neuen Bewusstseinsebene geht jedoch oft mit Arroganz und Vehemenz einher. Alles, was zuvor galt, wird pauschal abgewertet – manchmal sogar verteufelt – und durch neue Sicht- und Handlungsweisen ersetzt.

Und hier kommt Rot ins Spiel – und mit ihm die narzisstische Kränkung.

Rot beschreibt eine Entwicklungsstufe, in der der Mensch sein Ego ausbildet und erstmals seine Macht erlebt. Kinder erleben sich in dieser Phase oft als grenzenlos groß, weil ihnen das Bewusstsein für Grenzen noch fehlt.


Hier kommen die Bezugspersonen ins Spiel, die Kindern liebevoll-konsequent beibringen müssen, wie sie sich innerhalb sinnvoller Grenzen bewegen können. Werden kindliche Grenzen allzu häufig ignoriert und verletzt oder erleben Kinder das Gegenteil nicht existenter Grenzen, entsteht die narzisstische Kränkung. Beide Male fehlte das zugewandte, resonante Elternteil. Beide Male wurde das Kind in seiner Einzigartigkeit unzureichend gespiegelt.

Die Folge: das entstehende Ich formt sich zu einer aufgeblähten leeren Hülle, eigenommen von der eigenen Macht oder das Ich fällt in sich zusammen und schrumpft zu schamvoller Minderwertigkeit. Ein zutiefst schmerhaftes Erleben, was mit allen Mitteln unterdrückt wird, um die Kränkung mitsamt ihrer Scham nie wieder spüren zu müssen.


Moral als Abwehrstrategie

Liebe, Zuwendung sowie echtes Interesse erreichen die Person nicht mehr, stattdessen versucht sie mit Händen & Füßen jeglichen Schmerz abzuwehren. Moralische Überlegenheit ist dazu allzu oft ein probates Mittel, wo wir bei den Debatten unserer Zeit wären. Doch kurz zurück zur roten Ebene: mit Blick auf unsere Kultur wird deutlich, wie problematisch unsere Beziehung mit Grenzen, Macht, Wut und Dominanz seit jeher war & ist - also mit all jenen Aspekten, die im Aufkommen von Rot eine gewichtige Rolle spielen. Wer kann von sich sagen, sie oder er hätte gelernt, einen gesunden Weg mit der eigenen Macht oder Wut zu finden?


Trifft Grün somit heute auf toxische Machtstrukturen oder Ausgrenzung von Minderheiten, kann es schon mal seine rote Keule schwingen und den auserkorenen Täter mit ebenjenen Waffen schlagen, die es es selbst verurteilt. Das reicht soweit, dass bei jeglichem Verdachtsmoment das ganze Arsenal an Bekämpfung aufgefahren wird. Aus dem Kontext gerissene Wörter werden zur Pauschalverurteilung genutzt, einzelne Fehlhandlungen werden mit dem ewigen Fegefeuer belegt. Diese Art, das Neue in die Welt zu bringen, hält das Spiel von Gut vs. Böse jedoch nur aufrecht anstatt eine anderartige, partizipativere Gesellschaft zu kreiieren. Öffentlichkeitswirksame Tribunale heizen den Kampf zudem eher an statt für echte Gerechtigkeit zu sorgen.


Der schmale Grat zwischen Aktivismus und Fanatismus

Sicherlich gilt es, laut und sichtbar zu werden, um alte, (männlich gepägte) Machtstrukturen aufzubrechen. Gemeinschaftliches Agieren, die Stimme erheben, wenn Diskriminierung und Unrecht geschehen, Tabus brechen, indem benannt wird, was vorher stillschweigend hingenommen wurde sind allesamt wesentliche Mittel, die gesellschaftlichen Zustände zu verändern. Duckmäusertum hat noch niemandem geholfen, so auch jetzt.


Die Mittel werden jedoch überstrapaziert, der Ton eine Oktave zu kreischend angesetzt, die Ernsthaftigkeit in fanatischen Eifer überführt. Und hier kommt die narzisstische Kränkung ins Spiel. Kollektive jahrtausendealte Verletzungen genauso wie individuelle Prägungen, beide nicht ausreichend reflektiert, führen letztlich dazu, dass jeglichem Verdacht auf Diskriminierung und Machterhalt brachiale Verfolgung folgt. Der Mann an der Spitze der Organisation: kann ja nur ein alter, weißer Mann sein. Und gehört damit auf dem Scheiterhaufen der Geschichte.



Eine Kollegin berichtete kürzlich aus dem Seminarkontext: sie erzählt eine beispielhafte Situation, in der sie einer männlichen Person Empathie durch präsentes Zuhören schenkt. Augenblicklich wird ihr daraufhin von einer Teilnehmerin unterstellt, sie hätte sich mit ihrem Verhalten dem Manne unterworfen. Eine deftige Deutung und noch heftigere Reaktion auf eine Situation, die ein Beziehungsangebot beschrieben hat. Eigentlich doch genau das, was Grün so sehr anstrebt: eine Welt voller Mitgefühl. Stattdessen wird Unterwerfung gewittert, kaum dass eine Frau einem Mann einfühlsam ihr Ohr schenkt. Raum für gemeinsame Entwicklung ist damit im Keim erstickt.


Der mögliche nächste Entwicklungsschritt

Solange wir hier die narzisstische Wunde ihr Unheil treiben lassen anstatt sie ehrlich zu betrachten, werden die schönen und der Welt so zuträglichen Qualitäten, die uns das postmoderne Grün gebracht haben, nicht wirksam werden können.

Wir erleben vielerortens die Abwendung von Vielfalt und wertschätzendem Diskurs. Stattdessen prallen die erhitzten Lager der Erneuerer und Bewahrer aufeinander und bekriegen sich mit ebenjenen Waffen, die seit den Anfängen der patriarchalen Strukturen den Erdball bevölkern:

Stigmatisierung.

Ausgrenzung.

Verdammung.

Gewalt.


Grün verliert so sein Mandat. Und vielleicht ist das genau der Punkt in der Geschichte, an dem eine weitere, noch stärker integrierende Bewusstseinsebene aufs Spielfeld kommt. Die Klammer, die das Neue ebenso sehr wie das Alte anerkennt und verbinden will. Inwiefern ihr das gelingt, wird wohl davon abhängig sein, ob die narzisstischen Wunden endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie benötigen.


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