• Caroline Winning

Das Mosaik unserer Gesellschaft und wie ein Bild daraus wird

Fragmente. Ich las kürzlich über sie in Marion Küstenmachers neuem Buch und erinnere noch, wie ich mich durch das Kapitel zwingen musste. Mit Fragmenten, Versatzstücken, Bruchteilen hab ich's nicht so. Sie erscheinen mir ziellos, fraglich in ihrer Bedeutung, eben nicht fertig, sondern fehlend, lose, unvollkommen.

Die Autorin näherte sich dem Thema mit zahlreichen Vergleichen und gelangte schließlich auch zur Bibel, DEM Heiligtum in Vollkommenheit. Sie beschrieb sie als einen Haufen zusammengewürftelter, stückhafter Teile, die im Ganzen besehen ein Kaleidoskop des Lebens abbilden. Die Evolution mit ihren Anfängen und Enden, mitten im Satz, mitten im Atemzug, plötzlich bricht etwas, hört auf, um wieder neu zu beginnen oder an anderer Stelle fortzusetzen. Wir wissen nie genau, wohin das Leben mäandert und spüren doch ganz deutlich, wie alles in seinen Auszügen, seinen Fragmenten eben doch zueinandergehört. Linear scheint es nur im Kopf, der gern von A nach B will. Umwege oder gar Haltestopps bei O oder S kann er gar nicht leiden.

Nach dem Bibelvergleich wurde mir leicht ums Herz. Welcher Illusion hatte ich da wieder aufgesessen, es wäre alles so fein abgeschlossen und nur dann von Wert, wenn es vollkommen, abgerundet, fertig ist?

Die Schönheit von Fragmenten

Die Fragmente unserer Gesellschaft zeichnen ein ähnliches Kaleidoskop. In einem Vortrag zum Thema "Politisch wachsen" stach die Aussage hervor, dass es die Postmoderne nicht geschafft hätte, ein verbindendes gesellschaftliches Narrativ hervorzubringen. Eines, in welchem sich alle, egal, auf welchem noch so verlorenen Posten sie stehen, wiederfinden können. In dem jede/r seinen/ihren Platz hat. Stattdessen erleben wir zur Zeit Gruppen unterschiedlichster Positionen, Weltanschauungen und Werten, die sich mehr oder weniger heftig bekämpfen. Harald Welzer (ein lohenswerter Videobeitrag >>) sprach in dem Zusammenhang von alarmierter Kommunikation und ich kenne keinen besseren Ausdruck als diesen für die Hitzewelle, die unsere gesellschaftliche Kultur derzeit erwischt hat. Vielleicht ein Auswuchs des in vollem Gange befindlichen Klimawandels; das Universum würde damit unübertroffene Ironie beweisen.

Gruppen, die nicht aufeinander zu zu bewegen sind, so dass die Rufe nach Grundtechniken des Miteinanders wie Dialog und Zuhören immer lauter werden. Fragmente eben.

Wie sie wieder zusammenbringen? Wie sollte ein Narrativ aussehen, was es schafft, all die Andersdenkenden - Querdenker, Impfbefürworter, Klimaschützer, Linke wie Rechte, Impfgegner, usw. - in sich zu vereinen? Diese Fragen trage ich schon lange in mir. Helfen Angebote für Austausch und Streitgespräche? Kreisrunden, in denen gesprochen und zugehört wird? Begegnungsorte für kontroverse Meinungen? Wie die Fäden zu einem feinen Ganzen verweben, so dass ein prächtiger Grundstoff entsteht?


Heute erschien es mir blitzartig: die Fragmente wollen gewürdigt werden. Kehren wir an den Anfang zurück, ist jedes von ihnen einzigartig und in sich ein Abbild des Lebens. Dieses quietschverrückten, rasanten, sich steigernden Lebensflusses, der unsere Welt mit zunehmender Kraft bewegt. Jedes Fragment, jede Gruppe, jede Randposition besitzt einen sinnvollen, gar wesentlichen Kern für das Ganze. Unsere Aufgabe besteht darin, ihn zu entdecken. Und für sich stehen zu lassen. Erst dann und nur dann, kann Verbindung, ein Zusammenkommen erwachsen. Lehnen wir eines von den Bruchstücken ab, d.h. schieben wir eine Gruppe an den Rand des Abgrundes, grenzen wir das Leben an sich aus. Schneiden wir ein Stück aus dem bunten Gewebe des Daseins, fehlt ihm etwas und es ist nicht mehr komplett. Die Fragmente gehören gewürdigt. Gesehen in ihrer unvollkommenden Vollkommenheit.


Die Erkenntnis traf mich unvermittelt. Bisher stand die Frage im Vordergrund, wie sie zusammenzubringen seien, jetzt verrückt das Licht auf ihre bloße Existenz und dessen, was sie für uns als Gesellschaft bereit halten. Mit systemischer Brille draufgeschaut dürfte uns eigentlich klar sein, dass alle Positionen darunter liegende, menschliche Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Aus spiritueller Sicht erscheint es noch mehr absurd, Meinungen und mit ihnen Menschen zu verteufeln oder auszugrenzen. Folgen wir dem Bild, dass wir alle ein Ausdruck desselben Bewusstseins sind, welches sich täglich im Spiegel beschaut, müssen wir dringend um Integration ringen, denn: wir sind alle verbunden.


Jetzt überlege ich, wie ich dabei unterstützen kann. Und freue mich über "Mittäter:innen". Ob in Aufstellungen oder anderen Formaten: wo und wie gelingt die Sichtbarmachung dessen, was die gesellschaftlichen Fragmente beitragen? Was kann dienen, ein ganzheitliches Bild zu malen, egal, wie verrückt es auf den ersten Blick aussieht? Die Fragen kreiieren einen neuen Raum und ich bin gespannt, welche Früchte er trägt...


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