• Caroline Winning

Die Leidensgeschichte des gebeutelten Egos oder: warum es besser ist, eines zu haben

Es ist ein Hype geworden, sich in esoterischen und bisweilen auch spirituellen Kreisen des eigenen Egos entledigen zu wollen. Mich gruselt die Vorstellung von einem egolosen Haufen vermeintlich oder tatsächlich Erleuchteter. Dennoch tönt es immer wieder: Tod dem Ego!


Das arme Ego. Kaum ist es erwacht, wird es bereits in die Abgründe menschlicher Verwerfungen gestoßen. Der Grund: es hat sich schuldig gemacht! Schuldig der enthemmten Finanzmärkte, schuldig der Zerstörung unseres Planeten, schuldig an den wahnwitzigen Konsumsexzessen, der gesellschaftlichen Spaltung in rechts, links, lilagefleckt und neonpink und überhaupt der Zerstörung all dessen, was den allgemeinen Frieden und die Harmoniesucht bedroht (Achtung: Zynismus ist unterwegs). Also muss es weg und zwar schleunigst!

Egoistisch geht die Welt zugrunde

Das Blöde nur: wir brauchen unser Ego und zwar nötigst. Wir entwickeln es nicht umsonst und zwar mir fortschreitendem Entwicklungsalter. Der Auftakt wird in der sogenannten Trotzphase gemacht. Hier beginnen wir Menschen, das, was wir als Ich-Struktur oder Persönlichkeit bezeichnen, auszubilden. Kurzum: wir entwickeln unser Ego. Mit diesem erkennen wir erstmalig, dass wir getrennte Wesen und somit eigenständige Individuen sind. Da, wo die Worte "NEIN" und "MEINS" am wichtigsten werden, schlägt die Stunde einer der wesentlichsten Etappen auf dem Weg zum gesunden Menschen: die Entwicklung des ICHs.

Was geschieht, wenn diese Phase mies läuft, erleben wir am krassesten in Form von späteren Psychosen. (Wulf Mirko Weinreich >> hat hierzu basierend auf den Erkenntnissen von Ken Wilber intensiv geforscht und geschrieben.) Psychosen sind Ausdruck einer fehlenden Ich-Struktur, so dass sich das Alltagsbewusstsein mit Wahrnehmungen anderer Bewusstseinsebenen ständig mischt, ohne, dass der Betroffene dies erkennt. Die milde Form verunglückter Egobildung erleben wir in narzisstischen oder soziopathischen Störungen wie bei Trump, Órban, Bolsonaro oder Erdogan. Hier hat die ungesunde Ich-Entwicklung dazu geführt, dass sich im späteren Verlauf entwickelnde Kompetenzen wie Empathie, Moral oder Geduld nicht adäquat in die Persönlichkeit einbauen konnten. Doch statt kritisch nach den Ursachen solch missratener Charakterbildungen zu fahnen, bezieht das Ego alle Prügel.

Derzeit steht es einfach schlecht darum. Dabei können wir ihm nur zu dankbar sein: mit dem Ego erstellen wir Einkauflisten und planen unseren nächsten Berufswechsel. Unser Ego hilft uns zu erkennen, wann es jemand gar nicht gut meint und fährt die angemessene Distanzhaltung auf. Mit unserem Ego sagen wir Ja zu dem, was wir brauchen, um uns wohl und sicher zu fühlen und Nein zu dem, was uns schlecht bekommt. Wir buchen unsere Urlaubsreise, können uns empathisch in andere einfühlen, sprechen mutig Konflikte an, genießen Geselligkeit und können uns an den kleinen Schönheiten des Lebens erfreuen - allesamt mit einem gesunden, starken und erwachsenen Ego. Wer möchte darauf gern verzichten?


Den verschwurbelten Mantras über den Egomord Folge zu leisten, würde uns folglich verwandeln in urteilsfreie, bewertungsleugnende, kritiklose, dauergrinsende Teletubbies - eine gruselige Vorstellung. Wann, wenn nicht in unserer entgrenzt populistischen, verschwörungsschwangeren und moralverwässerten Zeit brauchen wir kluge Urteile, messerscharfe Bewertungen und sachkundliche Kritik?


Ginge das Ego von Bord, würde unsere Welt orientierungslos laissez-faire dahintaumeln. Dies hat nichts gemein mit dem Lauf unserer klugen, gerichteten Evolution. Wenn wir die große Perspektive bemühen, sehen wir leicht, wie sich Leben dahingehend auffaltet, bewusster, weiser, gerechter und fairer zu werden. Alles fern der amoralischen, alles gewährenden Gleichgültigkeit, auf die es als Ziel allen egolosen Seins oft hinausläuft. Dazu haben wir uns nicht bereits mehr als 100.000 Jahre entwickelt, um heute mit ergeben-dümmlich relativistischem Grinsen Despoten wie Donald Trump als kosmischem Witz zuzuwinkern.

Sicher gehören Bosheit, Gier und Einfältigkeit zum irdischen Spiel. Dennoch haben wir es in der Hand, wie groß die Heilungsschleife sein muss. Und ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber Typen wie Trump oder Bolsonaro strengen mich richtig an.

Statt unser Ego also zu schlachten, nutzen wir es lieber, um dem zerstörerischem Tun dieser Populisten und Fanatiker Einhalt zu gebieten!

Wir brauchen dringend mehr gesunde Egos!

Ken Wilber hat es wunderbar auf den Punkt gebracht, wenn er von einer Prä- versus Transrationalität als egofreiem Zustand spricht. Dazwischen schummelt sich noch die Rationalität.


Während Prärationalität das Lebens- und Entwicklungsalter beschreibt, in dem wir unsere Rationalität noch nicht vollends ausgebildet haben (0 bis ca. 11 Jahre), meint Transrationalität das Überschreiten und Inkludieren (!) menschlicher Vernunft und Logik. Letztere Entwicklungsphase erreichen wir jedoch erst, wenn wir vorher eine gesunde Rationalität aufgebaut haben, die uns im Alltag hilft zu navigieren. Das transrationale Sein entsteht frühestens in den beginnenden 20igern, wenn auch die Hirnreife langsam an ihr Ende kommt (damit ist die synaptische Ausreifung gemeint, nicht die lebenslange Plastizität, mit der wir weiterin lernen und uns entwickeln können).


Prärationalität ist demnach ein Zustand, den es zu überschreiten gilt, andernfalls hängen wir im geisten Alter zwischen 0 und 11 Jahren fest. Transrationalität entwickelt sich dagegen nur mit bewusster und diziplinierter mentaler, psychischer und spiritueller Übung und Disziplin. Wenn dieser Pfad achtsam, begleitet und geduldig beschritten wird, ist er Segen für ein weitsichtiges, herzenskluges Leben. Dann sprechen wir im besten Fall von tiefer Bewusstheit und können hier, anders als bei einer Psychose, erkennen, wann wir im Raum des gewährenden All-Einen sind und wann wir unser integriertes, Rationalität und Herz verbindendes Ego brauchen. Spätestens bei der nächsten Steuererklärung... ;)


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© 2021 Caroline Winning.