• Caroline Winning

Unter welcher Flagge segelst du?

Es gibt eine Stimme in meinem Kopf, die konstant plärrt. Manchmal so laut, dass ich nichts anderes mehr höre, oft aber auch so heimtückisch leise, als würde sie Verstecken spielen wollen. Unbeachtet hinter meiner Stirn verschwinden und so tun, als wär sie nicht da. Aber ich kenne sie. Ich kenne sie schon ziemlich lange. Die längste Zeit meines Lebens habe ich geglaubt, sie hätte in dem, was sie sagt Recht und würde mir auf ihre Weise die Welt erklären. Bis ich vor vielleicht 7, 8 Jahren erkannte, dass sie ganz und gar nicht zu meiner Standardausstattung gehört.


Wenn ich ihr zuhöre, nervt sie mich damit, dass sie mir in einer Tour erzählt, was an mir und dem was, ich denke, sage, tue und fühle nicht richtig ist. Hab ich einen Scheißtag und grummele effektiv vor mich hin, plappert sie mir ins Ohr, ich müsste dringend an meiner Wut arbeiten. Entfährt mir gedanklich eine bewertende Bemerkung, schickt sie mich auf die rote Couch für ein tolerantes, wohlmeinendes Gemüt. Zufrieden war sie in ihrem ganzen Leben noch nie mit mir. Immer gab und gibt es irgendwas zu Meckern. Ich könnte endlich mal kochen lernen, ich sollte wieder mit dem Yoga anfangen, ich dürfte nicht so viele Bücher kaufen oder überhaupt soviel kaufen, ich müsste ganz mit dem Trinken aufhören, ich sollte nicht so negative Gedanken gegenüber meiner Mutter haben, ich sollte mich mehr um meine Freunde kümmern... die Litanei nimmt kein Ende.


Beim Lesen von Glennon Doyle's Buch "Ungezähmt" wird mir nochmals bewusst, wie sehr ich, wie sehr wir Frauen darauf konditioniert sind, uns nach den Erwartungen, Vorgaben und Meinungen anderer zu richten und uns dabei ständig selbst vergessen. Die Tragik daran ist, dass wir die Ansichten der Gesellschaft so sehr in uns aufgenommen haben, dass wir es überhaupt nicht mehr merken. Stattdessen sind wir überzeugt davon, wir müssten wirklich so sein, wie andere uns haben wollen: ordentlicher, liebevoller, klüger, kritischer, modischer, dünner, rasierter, vernünftiger - all das, was wir eben gerade nicht sind.

Heute morgen sitze ich auf meinem Balkon. Ich liebe es, die ersten Sonnenstrahlen einzufangen, dann, wenn die Welt erwacht und ihre ersten, tiefen Atemzüge nimmt. Mir kribbelte es bereits in den Fingern, Worte wollen zu Papier gebracht werden. Stattdessen ermahnt mich mein innerer Zeigefinger: Sei doch nicht schon wieder so schnell, eins nach dem Anderen! Jetzt trink doch erstmal in Ruhe deinen Kaffee aus, man soll doch nicht alles gleichzeitig machen. Da fängt der Tag ja gut an, wenn du wenn du es nicht mal schaffst, für 10 Minuten auf deinem Arsch sitzen zu bleiben!

Und dann denk ich noch: Wo sie Recht hat, hat sie Recht! Hat doch nur meine Gesundheit im Blick, ich sollte wirklich viel ruhiger sein, der Tag ist noch lang genug für das, was ich schon wieder alles vorhab. Fast wär ich sitzen geblieben.


Gott sei Dank waren meine Lust und mein Schaffensdrang so groß, dass es mich vom Stuhl gehoben hat! Wie kann es sein, dass ich diese pure, freudige Energie an die Kette legen lasse und stattdessen versuche, ruhig auf meinen Hintern zu bleiben? Der sich alle 30 Sekunden einen neuen Sitzplatz sucht, zwischendurch an den Pflanzen zupft, wieder aufsteht, um noch ein Buch zu holen, sich wieder setzt, den Platz wechselt, nur um mir zu beweisen, dass ich geschlagene 10 Minuten ruhig sitzen kann? Beziehungsweise: nicht mir. Mir muss ich hier mal gar nichts beweisen! Vielmehr dem inneren Nörgler, der Anstandsdame, dem dicken, verschwitzten Securitytypen, der mich mit seinen fetten Ellenbogen in Schach hält.


Den hab ich nie eingestellt habe! Das waren andere! Für ihn zahlen muss jedoch ich - mit meiner Lebensfreude, meiner Kreativität, meinem Tatendrang und meinem Vertrauen in mich selbst.

Wenn uns diese leise, feiste Stimme ständig einflüstert, was wir wie, wann, wo und mit wem tun sollten, kommt uns nämlich der Glaube an uns selbst und das Vertrauen in unsere eigenes, inneres Wissen abhanden. Wir beginnen zu straucheln, fangen an zu zweifeln und wissen irgendwann gar nicht mehr, wem oder was wir noch glauben können. Äußere Erwartungen und gesellschaftliche Konditionierungen haben unser Schiff gekapert und eine täuschend echte Flagge gehisst, unter der wir von nun an segeln. Die Mannschaft wurde nach und nach ausgetauscht und da sie alle so nett lächeln, merken wir gar nicht, dass sie das Ruder übernommen haben. Von nun werden die Ziele von anderen bestimmt. Welchen Job wir zu machen hätten, wie viele Kinder wir zu kriegen hätten, welche Kleidung uns steht, was wir essen, denken, gut finden sollten - keine Chance mehr, es für uns selbst heraus zu finden und das unendlich weite Meer auf eigene Faust zu erkunden.


Nun sitze ich hier und schreibe, genau diese Zeilen. Mein Hintern schafft es, schon mehr als 30 Minuten am selben Platz zu sitzen, der Kaffee steht halbvoll neben mir. Ich bin meinem inneren Impuls gefolgt, der Bock auf's Schreiben hatte. Meinen Gedanken eine äußere Form zu geben, mich mitzuteilen, in der Hoffnung, andere damit zu inspirieren. Ich fühle mich randvoll glücklich.


Das Erleben heute Morgen zeigt mir deutlich: wenn wir es schaffen, die Stimme, die uns von uns selbst abhält und klein macht, als von außen eingetrichtert zu enttarnen und ihr immer weniger Gehör schenken, werden wir unser ganzes, gewaltiges, feuersprühendes Potential freisetzen! Ich stelle mir vor, wie wir damit eine Welt kreiieren, die frei ist von goldenen Käfigen. Eine Welt mit einem großen, durchdringenden Ja zur bunten Vielfalt unseres Seins. Eine Welt, die Mittel & Wege bereit hält, ein für uns alle lebenswertes Leben zu aufzubauen. In der wir selbstbestimmt, frei, kreativ, mutig und glücklich leben. Aho!

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