• Caroline Winning

Stress entsteht im Herz

Stress entsteht im Kopf, wird oft gesagt. Indem wir uns selbst durch Ansprüche und innere Erwartungen Druck machen, fühlen wir uns getrieben und im Hamsterrad gefangen.

Im Alltag äußert sich dies, indem wir unentwegt am Schaffen sind, gehetzt von Termin zu Termin rennen, 1000 Dinge gleichzeitig im Kopf habend. Ein Leben voller Deadlines, Aktivitäten und abgestrichener ToDo-Listen. Fertig wird man damit nie, zu tun gibt's immer. Unsere Welt dreht sich in immer rasenderen Tempo, mehr und mehr Dinge passieren gleichzeitig und verlangen uns ein ungewohnt hohes Maß an Aufmerksamkeitsdichte ab. Hier das Tempo halten zu wollen grenzt an inneren Raubbau. Ich hatte erst kürzlich über den zunehmenden Druck der Effizienz geschrieben und ihren Folgen einer überlasteten, nervösen Gesellschaft. Wenn wir diesem Phänomen einmal bewusst auf den Grund gehen, entdecken wir tief verschüttete, gelernte Anpassungsstrategien, die heute dazu führen, dass wir in der Stresshölle gelandet sind.


Als Kinder waren viele von uns von erwachsenen Bezugspersonen wie Eltern, Lehrer:innen oder Erzieher:innen umgeben, die nicht präsent waren. In meiner Generation war es noch üblich, die Kinder im Kinderwagen draußen vor dem Kaufhaus zu parken, während die Mütter drinnen ihre Einkäufe tätigten. Was heute unvorstellbar ist, haben Millionen Eltern als selbstverständlich angesehen. Wer kennt nicht auch noch den Satz: "Das Kind muss auch mal lernen, dass nicht jedesmal jemand kommt, wenn es schreit." Pädagogische Quacksalbereien, die vor nicht allzu langer Zeit State-of-the-art in der Erziehung waren und auch heute noch ihr Unwesen treiben.

Dank dieser Erziehungspraktiken lernten wir bereits im sehr frühen Alter, dass wir uns anstrengen müssen, wenn wir die Zuwendung und Aufmerksamkeit unserer Bezugspersonen erhalten wollten. Was uns zum Stress bringt: wir haben gelernt zu hetzen, damit wir Liebe erfahren. Das Loch im Herzen, was sich einst im Kleinkindalter herausgebildet hat, führt heute zu Verausgabung und konstantem Tun. Flankiert wird das Ganze von so mittelalterlichen Sätzen wie "Wer rastet, der rostet." oder "Schlafen kann man auch noch im Himmel." Also treiben wir uns selbst an, sind auf der Jagd nach dem Seelenstopfer.

Dieses Grundmuster zu erkennen, ist der erste wesentliche Schritt zu mehr Entspanntheit und Leichtigkeit im Leben. Erst wenn wir erkennen, was der innere Antrieb in Wahrheit zu befriedigen versucht, können wir unsere automatischen Reaktionsketten durchbrechen. Wir können lernen, dass wir auch um unserer selbst willen geliebt werden - auch wenn wir einfach nur faul in der Sonne liegen und die Schönheit dieser Jahreszeit genießen.


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