• Caroline Winning

Wie Bindungsschmerz die Partnerschaft belastet

Ich war am Meer und wie es in seiner Natur liegt, bin ich ein Stückchen ganzer durch meine Begegnung mit ihm geworden. Sein steter Wellenschlag, der lange vor und noch lange nach mir im Rhythmus der Gezeiten gehen wird, beruhigt immer wieder auf's Neue und ordnet die Dinge in den unendlichen Lauf des Kosmos ein.

Und wieder heiler geworden...

An einem dieser Meeresmorgende gab's kurz nach dem Aufwachen Frust zwischen meinem Partner & mir. Ich wollte Kontakt, er in dem Moment nicht, der Klassiker. Genervt zog ich meine Sachen an und rauschte ab gen Strand. Was eigentlich nur eine klitzelkleine Lapalie war, hatte bei mir das Faß zum Überlaufen gebracht; ich war wütend, ich war zornig und gleichsam tieftraurig. Meine Gefühle waren im Exponentialrausch und damit alles andere als im Verhältnis zu dem, was vorgefallen war. Wenn dieses Unmaß eintritt und die Maus sprichwörtlich zum Elefanten gemacht wird, ist mir mittlerweile schnell klar, dass es hierbei um tiefe, frühkindliche Verletzungen geht. Also stiefelte ich los und fühlte, was es zu fühlen gab: die Wut, die am liebsten losgeschlagen hätte, der Schmerz über die fehlende Beziehung, der in meinem Herzen rumorte. Beides Spuren der Erinnerung an Momente im Babyalter, in denen ich in selber Manier Kontaktversuche unternommen hatte, die gescheitert waren. Das Trauma, welches sich repliziert, ein weiterer Klassiker...

Wir wissen heute - Gott sei Dank! - weitaus mehr über die existentielle Bedeutung von körperlicher und emotionaler Nähe und Bindung zwischen Babies und ihren Bezugspersonen. Kinder in den ersten ein bis zwei Lebensjahren sind reine Körper- und Gefühls-Wesen. Über Berührung, Blicke sowie Laute erschließen sie sich die Welt und bauen zudem ihr Selbstvertrauen auf, welches sie fortan im Leben trägt.

Ein Mangel an Zuwendung sowie fehlende Resonanz auf ihre Kontaktversuche führt der jungen Seele immensen Schaden zu. Eine existentielle Wunde, die bleibt, wenn wir sie als Erwachsene nicht integrieren und heilen.


Hier kommt die Partnerschaft ins Spiel: sind unsere inneren Verletzungen noch aktiv, wird der Beziehungspartner zum Auslöser und triggert unseren unverarbeiteten Schmerz. Wir merken das immer dann, wenn unsere emotionalen Reaktionen unverhältnismäßig hochschießen und uns in wiederkehrenden Gedankenkreiseln gefangen halten. Spätestens jetzt hilft es, sich dieser Dynamik bewusst zu werden und aus dem Streit heraus zu treten. Mit Diskussion kommt man alles andere als weit, vielmehr dient eine Pause, um sich zu regulieren.

Ich nahm also auf der Düne Platz, ließ den Tränen freien Lauf und sprach laut aus, was mir als kleines Kind gefehlt hat. Im Aussprechen kommt zum Ausdruck, was sonst drinnen gehalten wird. Das Ding kriegt einen Namen, wenn man so will - und ist damit in seiner Bedeutung für Heilung von frühen Verletzungen und Trauma kaum zu unterschätzen.

Bleiben wir stattdessen in der Dynamik von Auslöser und Reaktion ohne die tieferliegende Ursache anzuschauen, schaukelt sich eine Partnerschaft oft in einen emotionalen Abgrund, der alles an Liebe mit sich reißt, was einst mal da war. Eine Dramatik, die viele Partnerschaften an ihre Grenzen bringen. Machen wir uns unsere frühen schmerzhaften Erfahrungen dagegen bewusst, leisten wir einen wichtigen Beitrag für eine gelungene Partnerschaft - und für unser Selbstvertrauen allemal...

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